1. Die Anfänge

Wir schreiben das Jahr 2019: CRUCIFIXUS ist passé, TonArt hält Ausschau nach einem neuen Repertoire. Und landet bei Vokalmusik rund um die Eroberung Mittel- und Südamerikas.
Dann kam die Pandemie. Dann kamen Debatten über kulturelle Aneignung. Über Postkolonialismus. Über political correctness sowieso.
Und dennoch:
2. Die Wiederaufnahme
Sie löste zunächst gemischte Gefühle aus:
Am Anfang war es sicher auch meine Liebe zur spanischen Sprache, die mich bewogen hat, ein paar Mal tonartintern dafür zu werben, dass wir doch das zu Coronazeiten beerdigte „Spanische Programm“ nochmal aufnehmen könnten.
Andrea (Sopran)
Ehrlich gesagt war ich nicht sehr begeistert davon, das Programm Missio wieder aufzunehmen. In meiner Erinnerung waren die Lieder wenig eingängig, die Erarbeitung mühsam und die sprachliche Herausforderung enorm.
Jessica (Sopran)
Und auch auf höchster Ebene war die Sache längst nicht von vornherein klar:
Im Nachhinein kann ich es ja zugeben: Ich hatte nicht damit gerechnet, dass das Programm nochmal auf den Notenständer kommt. Die Noten waren „endgültig verräumt“. Und ich war in diesem Fall nicht böse auf Corona, denn das Programm war schwieriger als gedacht. Viele fremde Sprachen, komplexe musikalische Strukturen, TonArt tat sich schwer. Außerdem war ich bei näherer Beschäftigung etwas enttäuscht davon, dass sich die Musik dann doch zu 95% als eigentlich spanisch erwies. Ich hatte es mir bunter vorgestellt zu Beginn der Suche.
Ekkehard Weber (Chorleiter)
3. Die Proben
Für mich war die „Auseinandersetzung“ mit den indigenen Originalsprachen ein Höhepunkt im Programm, aber auch eine besondere Herausforderung (…tli tla tlau…).
Matthias (Tenor)
Im Nachhinein bin ich froh, dass wir das Programm fortgesetzt haben, denn der Wiedereinstieg war erstaunlich einfach, und nachdem ich durch die Beschäftigung mit den Texten eine konkrete Vorstellung von den Stücken bekommen hatte, konnte ich mich viel besser darauf einlassen. Besonders die Stücke „Has visto“, „Eso rigor“ und „Exsultate justi“ sind mir durch ihren vielfältigen Ausdruck an Emotionen sowie das Zusammenspiel im doppelchörigen Singen ans Herz gewachsen.
Jessica (Sopran)
Im Laufe der Probenarbeiten, beim Probenwochenende und nicht zuletzt auch im Zuge der Konzerte habe ich die Stücke fast ausnahmslos alle wirklich lieben gelernt, wegen der wunderbaren Musik, der hochemotionalen Stimmungen und der so abwechslungsreichen Vielfalt, die Ekkehard da ausgegraben hat. Es freut mich unglaublich, dass auch Stücke, die sich anfangs noch sehr sperrig oder unrund anfühlten, zum Ende doch alle in wunderbaren Harmonien aufgegangen sind.
Andrea (Sopran)
Siehe da: TonArt war ein gewaltiges Stück weiter gekommen in der Zwischenzeit. Die mittlerweile erarbeiteten Projekte trugen offenbar auch grundsätzliche Früchte. Plötzlich war klar: Das kann gelingen. Und tatsächlich entwickelte es sich nach dem Probenwochenende stetig weiter.
Nebenbei mussten neue MitsängerInnen integriert werden – immer eine Herausforderung für alle Beteiligten.
4. Das Beiwerk …
… war definitiv nicht nur schmückend, sondern essentiell:
Wie immer hatte das auch und viel mit „Zuhören“ und „Verstehen“ zu tun. Und damit meine ich nicht nur das aufmerksame Hören der Mitsänger:innen. Ich meine auch und vor allem das Hören (und Lesen) der unglaublich intensiven und zutiefst schockierenden Hintergründe, die Ekkehard zu unseren Stücken und der zugehörigen Epoche und den Komponisten recherchiert, zusammengetragen und – in Auszügen – vorgetragen hat. Tatsächlich hat mich z. B. erst die Beschreibung des „juego de cañas“ dieses Stück [= „Las estrellas se rien“] wirklich begreifen lassen.
Andrea (Sopran)
Der vertiefte Blick auf die verschiedenen Facetten – positiv wie negativ – der Missionierung und die Reaktionen darauf war für mich eine interessante, z. T. immer wieder auch bedrückende Reise in die Vergangenheit des „christlichen“ Europa.
Matthias (Tenor)
Nicht nur mit reich illustrierten Hintergrundinformationen wurden wir bedacht, die so gut wie druckreif waren, noch ehe die eigentliche Probenarbeit begonnen hatte. Auch sorgsam ausgewählte Filme ergänzten unsere Vorbereitung bei einem geselligen Jahresanfangstreffen in Hecklingen und während des Probenwochenendes Ende Februar in St. Peter.
Ob sich eine Programmdramaturgie bewährt, wird in der Probenphase nicht so richtig klar, weil sie auf einen Ablauf konzipiert ist, der lange nicht vorkommt. Dass man immer wieder Hintergründe beleuchtet, hilft indes sicher zum Verständnis einzelner Stücke.
5. Die Konzerte
Bei etlichen Stücken habe ich regelmäßig Gänsehaut beim Singen, weil sie soo schön sind! Und das trotz der thematisch angepassten Temperaturen! Und ja: Weniger warm hätte ich auch deutlich besser gefunden.
Andrea (Sopran)
Dass wir unsere Konzerte bei großer Hitze halten mussten, konnten wir nicht voraussehen. Wir haben gemeinsam geschwitzt und unser Bestes gegeben, und die lobenden Rückmeldungen aus dem Publikum waren für mich eine schöne Bestätigung für unsere Chorarbeit. Mögen noch viele weitere, abwechslungsreiche Programme folgen!
Jessica (Sopran)
Ja, die Hitzewellen waren sehr erschwerend. Aber sie ließen sich dramaturgisch gut nutzen und wurden dadurch vielleicht etwas erträglicher.
Darüber hinaus boten sie eine Rechtfertigung für die ab dem zweiten Konzert eingeführte Hydration Break, die nicht nur der Zuhörerschaft Gelegenheit zum Verschnaufen gab.
Und das Konzept erwies sich als tragfähig, die Abfolge und die Abwechslung der Stücke waren logisch und organisch. Breit gefächert vom anrührend einfachen vierstimmigen Satz („Hanacpachap“) bis zum komplexen Doppelchor („Exsultate justi“). Letzterer in Emmendingen durch die maximale Raumnutzung eine akustische Herausforderung, aber auch eine bereichernde Erfahrung. Man ahnt die Faszination, die die Venetianer in der Renaissance in San Marco staunen machte.
Außerdem „pädagogisch“ sinnvoll für einen Chor: Das Gefühl, zwingend auf den Dirigenten angewiesen zu sein. Jedoch sehr gut kompensiert durch das Erlebnis, gar keinen Dirigenten zu brauchen – bei „Eso rigor“. Das Stück groovte sich ganz hervorragend ganz von selbst ein, trotzdem der Rhythmus etwas kompliziert notiert war und die Sprache eine wilde Pidgin-Mischung aus Portugiesisch, Spanisch und Westafrikanisch.
6. Der Nachklang
In die gelöste Dernièrenstimmung hinein mischten sich aus gegebenem Anlass Geburtstagsglückwünsche für den Chorleiter; bereits am Abend zuvor war dieser von den aktiven TonArtlern mitten in der Generalprobe mit einem Ständchen überrascht worden.
Nach dem letzten Konzert dann erwiesen noch eine ganze Reihe Ehemaliger, teils unter Aufbietung beträchtlicher Anreisemühen, dem sichtlich gerührten Jubilar verdientermaßen die Ehre.
Dieser soll hier auch das letzte Wort haben:
Sicher ist das Wort „Entschädigung“ in diesem Fall nicht ganz treffend, denn wo genau wäre ein Schaden zu verorten? Aber im landläufigen Sprachgebrauch ist es nun einmal verankert.
Ekkehard Weber (Chorleiter)
Die Würdigung eines chorleiterischen Engagements durch aktive und ehemalige TonArtlerInnen war mehr als „entschädigend“ für die Mühe mit diesem Programm (und den Vorangegangenen). Die Gewissheit, dass es sich lohnt, dass es etwas hinterlässt in der langjährigen Erinnerung der Dabeigewesenen, einen positiven Beitrag leistet zur Lebensqualität des/der Einzelnen, ist aller Mühen Wert.
Jedes Programmkonzept ist ein Experiment, wenn man auf die ewig gleichen bewährten Mainstream-Programme verzichtet. Zu erleben, dass es „aufgeht“, ist – über das Vorgenannte hinaus – auch immer ein schöner Motivationsschub.
Ekkehard Weber / Magdalena Büttner
- Balam aleica, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons ↩︎





