MISSIO [2026]

Programmheft und Beiträge

Konzerteinführung „MISSIO“

Herzlich willkommen bei „MISSIO“, dem diesjährigen Programm von TonArt Kenzingen.
Die Idee zu diesem Programm entstand vor vielen Jahren und musste damals wegen Corona unrealisiert bleiben. Nach einigen anderen Projekten in der Zwischenzeit kommen wir jetzt darauf zurück.
Seitdem hat sich der gesellschaftliche Diskurs gravierend gewandelt, und die Unbefangenheit, mit der wir uns seinerzeit noch diesem Thema angenähert hatten, ist heute deshalb nicht mehr möglich. Wenn wir jetzt dieses Programm wieder aufnehmen, kollidieren wir mit gleich drei zentralen Themen der derzeitigen Debatte: Postcolonialism, kulturelle Aneignung und eine Art Blackfacing, indem wir Texte in indigenen Sprachen singen, oder ein kleines Fenster öffnen in die Welt schwarzafrikanischer Sklaven in Lateinamerika.

Wir tun es trotzdem. Nicht, weil wir die Augen verschließen vor den wirklich drängenden Problemen unserer Gegenwart, sondern weil wir von der Qualität der vorgefundenen Musik völlig überzeugt sind und sie vor dem Vergessen bewahren helfen wollen.
Ein heutiger Blick auf Conquista, Kolonialismus und Missionierung ist viel kritischer als damals und nötigt zu einem schon fast weitschweifigen Ausholen in die geschichtlichen Hintergründe, um Werdegänge nachvollziehbarer zu machen. Das würde den verträglichen Rahmen einer Konzertmoderation bei Weitem sprengen, und deshalb haben wir uns entschieden, dieses Mal unser Programmheft entsprechend zu erweitern und alle diese Informationen gedruckt zur Verfügung zu stellen.
Sie können das dann gerne in Ruhe zu Hause vertiefen – wenn Sie das wollen.
Wir danken der Gottfried Finger-Gesellschaft in Nürnberg ganz herzlich für die Übernahme der Druckkosten. So können wir Ihnen dieses Programmheft unentgeltlich zur Verfügung stellen. Dennoch freuen wir uns über eine Spende am Ausgang für unsere weitere Arbeit.

Bau der Festung La Navidad in Hispaniola
Basler Ausgabe des Kolumbus-Briefes, 1494

Das Programm ist eine Reise vom Süden Europas nach Äquatorial-Amerika, von Palos de la Frontera in Andalusien (von wo Christopher Columbus mit seiner Flotille in See stach) nach Guanahani auf den Bahamas. Wir sind stolz darauf, Ihnen heute das dazu passende Klima bieten zu können, es stärkt die Echtheit der Eindrücke.
Außerdem erleichtert die Hitze das Verständnis für ein Phänomen, das in unseren Breiten, wo man von „white Christmas“ träumt, gar nicht so vertraut ist: Weihnachten unter tropischen Bedingungen. Wir haben deshalb ein paar wenige weihnachtliche Stücke in unser Programm eingebaut.
Allerdings baute Kolumbus aus den Überresten seiner Karacke „Santa Maria“ die erste Festung der Neuen Welt und nannte sie „La Navidad“. Weil er das Schiff verloren hatte, musste er einen Teil seiner Mannschaft dort zurücklassen. La Navidad wurde zur Hauptstadt der ersten Kolonie auf Lateinamerikanischem Boden: Hispaniola.
Also: Auch „Weihnachten“ ist vieldeutig …

Unser Programm haben wir in drei Abschnitte unterteilt, die Sie gerne dazu nutzen, Ihren Beifall nicht ganz bis zum Ende zurückhalten zu müssen. Nach dem ersten dieser Abschnitte werden wir der Temperaturen wegen eine etwas größere Pause von ca. fünf Minuten einlegen, um nochmal durchzuatmen und einen Schluck Wasser zu trinken.
Wir haben dabei auch an Ihre Versorgung gedacht, bitte greifen Sie zu, wenn Sie wollen.


Beginnen wir also mit Musik, die im spanischen Mutterland erklungen ist.
Sie zeigt die Vielfalt der damaligen Möglichkeiten:
Eine klangprächtige sechsstimmige Vertonung eines Texts aus dem Buch Hiob ist die optimale Einstimmung in unser Thema und bezieht sozusagen auch schon Stellung.
Der Villancico „Falalalán“ ist dem „Cancionero de Upsala“ entnommen, einer Sammlung, die 1556 in Venedig veröffentlicht wurde. Der Name der Sammlung bezieht sich darauf, dass das einzige erhaltene Exemplar in der Universitätsbibliothek zu Uppsala aufbewahrt wird. Falalalán ist ein rhythmisch-melodischer Nonsens-Refrain ohne speziellen semantischen Gehalt, der dem Klang und der Musizierfreude dient. Vergleichbar tralalá in französischen oder lailalai in jiddischen Liedern.
Die drei Stücke von Juan Vasquez thematisieren in einer Art Ritter- und Troubadurromantik Verabredung zur Flucht, Liebeserwartung und Liebesschmerz, Natur, Eitelkeit – zeitlose Themen.
Eine sehr speziell spanische Gattung ist die Ensalada. Erklärungen dazu finden Sie in den biografischen Notizen unter dem Namen Mateu Fletxas.
„El Fuego“ ist eine im wahrsten Sinne des Wortes „flammende“ Moralpredigt an die Adresse der Sünder, jedoch durchaus mit tänzerisch-schwungvollen Passagen, die vokale Imitationen von Glocken („dandán“) oder von Instrumenten beinhalten – son son für die Schalmei, dindirindin für Mandoline oder Gitarre.

Titelseite des Cancionero de Upsala

Ruimontes Madrigal „Has visto“ handelte von Liebesschmerz, möglicherweise voyeuristisch von einem Fremden beobachtet, warnt davor, sich in diese Versuchung zu begeben und rät zur Flucht. Die Symbolik, die Allegorien und die poetischen Bilder dieser Epoche und dieser Sprache entziehen sich in der Regel einer wörtlichen Übersetzung, weshalb viele unserer heutigen Texte eine gewisse Auslegungsbreite zulassen.

Juego de cañas auf der Plaza Mayor von Valladolid
Jacob van Laethem zugeschrieben (ca. 1506)

Anders bei „Las estrellas se rien“:
Hier wird ganz konkret ein sozusagen „spanischer Nationalsport“ beschrieben, das Schilfspiel (juego de cañas). Es ist eine Art Reiterturnier, übernommen aus Zeiten der maurischen Herrschaft, oft verbunden mit wichtigen und daher überlieferten Staatsereignissen.

Es handelt sich um eine Kampfsimulation zu Pferd: Zwei gegnerische Gruppen galoppieren abwechselnd in kleinen Gruppen von ihrem jeweiligen Ende aus aufeinander zu.
Im letzten Moment schleudern sie cañas (daher der Name) auf ihren Gegner, als wären es Speere oder gar Pfeile, wehren die auf sie abgefeuerten Stöcke aus Zuckerrohr oder Schilf gleichzeitig mit ihren Schilden ab und ziehen sich dann im Halbkreis zurück. Eine prachtvoll kostümierte Veranstaltung, an der in der Regel nur Adlige beteiligt waren. Ob solche Spiele auch in Lateinamerika abgehalten wurden, wissen wir nicht zuverlässig. Die Verbindung zum weihnachtlichen Geschehen in Bethlehem wirkt etwas gewollt und nutzt wahrscheinlich lediglich den festlichen Anlass.

Eigentlich hätte Gaspar Fernandez in unsere dritte Gruppe verschoben werden müssen, weil er – wie es sich inzwischen herausstellte – doch einheimischer Lateinamerikaner war. Wir haben ihn hier belassen und werden dabei dessen gewahr, dass Beurteilungen, Einordnungen und sogar wissenschaftliche Setzungen mitunter auf Falschinformationen beruhen.
Sein Stück „Eso rigor“ verbindet bemerkenswerte Einflüsse:
Der Text ist schwer zu fassen. In einer Zeit, in der die Entwicklung von einer Pidginsprache zu einer echten Kreolsprache noch nicht komplett vollzogen war, sind oft die Herkünfte der Worte nicht eindeutig einer Ausgangssprache zuzuordnen.

In unserem Fall der Guineer aus São Tomé, einer kleinen Insel im Golf von Guinea vor Gabun und Äquatorialguinea, war deren Sprache bereits eine Kreole aus Portugiesisch und verschiedenen Bantu- und Kwa-Sprachen. Durch die Versklavung in den spanischen Kolonien mussten sie sich ein weiteres Mal sprachlich umstellen, jedoch immer verbunden mit dem Versuch, so viel wie möglich ihrer heimischen Kultur beizubehalten und zu retten.
Sehr anrührend sind der überbordende Optimismus und die Fröhlichkeit trotz der Verschleppung, die große Sehnsucht nach der Heimat São Tomé einerseits und die fast ebenso große Sehnsucht, einmal weiß zu sein, und sei es nur für eine Nacht – Letzteres übrigens ein erschütterndes Beispiel für den „Erziehungserfolg“ weißer Missionare.

Interessant am Rande: Zu dieser Zeit verehrte die katholische Kirche seit bereits über tausend Jahren eine ganze Reihe afrikanischer Heiliger, wie San Maurizio, San Benedetto il Moro oder San Mosé l’Ethiope, auch etliche Frauen (alle aus dem 3. und 4. Jahrhundert nach Christus) …

San Benedetto il Moro
Ferdinando Perathoner, Holzstatue, Mitte 20. Jh., Acquedolci1

Melodisch und rhythmisch weist das Stück von Fernandez große Anklänge an schwarzafrikanische Kultur auf, so gut wie nichts Indianisches und wenig Spanisches, hier im Wesentlichen die Harmonik.
Solche Fälle äußerst turbulenter Durchmischung unterschiedlichster kultureller Elemente sind zuweilen erzwungen durch gewaltsame „Migration“. Dennoch führen sie zu etwas Neuem und durchaus Eigenständigem. Das stellt berechtigt die Frage nach einer Grenzziehung zwischen Austausch oder Inspiration einerseits, und kultureller Aneignung andererseits. Was hier in der Folge entstand, empfinden wir heute als „typisch“ karibische Kultur. Aber die gab es in dieser Form zunächst überhaupt nicht, und über die Kultur dieser Region in den Zeiten davor haben wir sehr wenige Kenntnisse.


Die Stücke in den indigenen Sprachen Nahuatl und Quechua sind weitere Beispiele für den pädagogischen Impetus weißer Missionare, die sich der Landessprachen bedienten, um ihre Erziehungsinhalte zu festigen. Die Texte verbinden Elemente und Bilder alter einheimischer Kulturen mit den christlichen Neuerungen der Missionare.
Diese Sprachen hatten bis zur Ankunft der Spanier keine Möglichkeiten einer phonetischen Verschriftlichung.
Die heute durchgehend übliche Transliteration mit lateinischen Buchstaben ist nicht in der Lage, alle Laute dieser indigenen Sprachen korrekt abzubilden. Für Aymara, eine Sprache der Anden, gibt es sogar erst seit dem späten 20. Jahrhundert ein Alphabet, das Zeichen für Laute enthält, die sich in unserem Alphabet nicht finden.

Auch Juana Inés de la Cruz „profitierte“ ganz direkt von diesen Errungenschaften europäischer Kultur, denn ohne diese weit bessere schriftliche Ausdrucksmöglichkeit wäre ihr Aufstieg so nicht denkbar gewesen.
Bekannt geworden als bedeutendste Dichterin der neuen Welt unterhielt sie mit vielen europäischen Geistesgrößen einen lebhaften Briefwechsel.
Ihre liberale und stark feministische Haltung rief letztlich dann doch den Unwillen ihrer Oberen hervor, und sie musste 1694 ein Sündenbekenntnis unterschreiben und das Gelübde, nur noch für Gott zu leben.

Denkmal für Sor Juana Inés de la Cruz
Madrid2
Pfarrkirche Santa Cecilia (Xochimilco) in Mexiko-Stadt3

Die doppelchörige Motette „Resuenen los clarines“ ist eine Ode an St. Cecilia, die Schutzpatronin der Musik und so mancher mexikanischen Stadt.
Zwischen 1704 und 1707 wurde auf Betreiben franziskanischer Missionare im Süden von Mexiko-Stadt am Fuß des Vulkans Teoca die Siedlung Santa Cecilia gegründet.
Noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde eine gleichnamige Kirche erbaut und geweiht.

Ein flämischer Franziskaner aus Gent, geboren als Pieter van der Moere, später heiliggesprochen als Fray Pedro de Mura oder Fray Pedro de Gante, gründete Schulen für Eingeborenenkinder, um ihnen Notenlesen und -schreiben beizubringen (europäische Einwandererkinder waren ausgeschlossen). Davor (und dafür) hatte er eigens Nahuatl gelernt. Innerhalb von zwei Jahren waren ein Eingeborenenchor und ein Orchester auf die Beine gestellt, die die Messen in der Kathedrale musikalisch begleiten konnten.

Erklärung der Heiligen Dreifaltigkeit
Testeriano (piktografischer Katechismus), Pedro de Gante (etwa 1525–1528)
Illustration einer Blumenzeremonie mit aztekischen Instrumenten: die Schlitztrommel teponaztli, dahinter die große einfellige Standtrommel huéhuetl und links oben die Kürbisgefäßrassel ayacachtli
Codex Florentinus, Mitte 16. Jh.

Die Indios entwickelten enorme Fähigkeiten nicht nur im Singen und Spielen, sondern auch im Bau europäischer Musikinstrumente.
Die Missionare beförderten diese Entwicklung, indem sie die traditionellen Instrumente der Indios systematisch zerstörten. Diese Instrumente waren einfache Flöten aus Ton, Holz, Muscheln oder Knochen, einige wenige Schlaginstrumente waren im Gebrauch. Aztekische Musik wurde von dem spanischen Franziskaner Bernardio de Sahagún dennoch als außerordentlich entwickelt und komplex beschrieben. Andere spanische Quellen sprechen von infernalischem Lärm und unerträglicher Kakophonie …

Cortès hatte nach seiner Ankunft in der neuen Welt als Erstes einen Altar errichten und eine musikalische Messe zelebrieren lassen. Ein Teil seiner Truppe nämlich war speziell unter dem Gesichtspunkt ihrer musikalischen Fähigkeiten ausgewählt worden.
In der Folge legten die Eingeborenen weite Wege zurück, um spanische Musik zu hören, sie waren ungeheuer fasziniert.

Feierlichkeiten zu Ehren der Heiligen Cecilia in den Straßen von Oaxaca de Juárez4

Zumaya schrieb seine Motette 1738 zum Patrozinium dieser Kirche Santa Cecilia.
Der erloschene Vulkan Teoca galt in vorchristlicher Zeit als Sitz der Götter und diente als zeremonieller Ort sowie als astronomisches Observatorium. Heute beherbergt der Krater ein Fußballstadion – die Götter wechseln zuweilen ihre Identität …

Lizenz Konzerteinführung „MISSIO“ © 2026 von TonArt Kenzingen ist lizensiert unter CC BY-NC-SA 4.0

  1. Episcopello, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons ↩︎
  2. Javier Perez Montes, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons ↩︎
  3. Rafatmyo, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons ↩︎
  4. ProtoplasmaKid, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons ↩︎