Der Andalusier Alonso Lobo y de Borja wirkte schon mit elf Jahren im Knabenchor der Kathedrale von Sevilla, wurde Mitte 1591 als Vizekapellmeister unter Francisco Guerrero eingestellt und übernahm 1593 den Kapellmeisterposten an der Kathedrale von Toledo. Ab 1603 hatte er dann die entsprechende Stelle in Sevilla inne.
Sehr zu Unrecht wurde er nicht so bekannt wie manche seiner Zeitgenossen, aber er konnte diesen (z.B. Tomás Luis de Victoria) durchaus das Wasser reichen.
Titelseite von Lobos Liber primus Missarum, gedruckt 1602 in Madrid; neben anderen vier- bis achtstimmigen Vokalwerken findet sich darin eine sechsstimmige Vertonung des Textes „Versa est in luctum cithara mea“, die Lobo anlässlich der Beerdigung des Königs Philips II. von Spanien angefertigt hat.
Bartomeu o Càrceres
Zu Bartomeu o Càrceres gibt es kaum zitierfähige biografische Erkenntnisse. Er scheint an den Höfen der Herzöge von Kalabrien und von Gandia gewirkt zu haben, war möglicherweise in der Hauptsache Notenkopist. Wahrscheinlich hat er den größten Teil des Cancionero de Gandía kopiert.
Das einzige nachweisbare Datum ist eine Zahlung von 1546 für die Lieferung von Büchern an die Hofkapelle Ferdinands von Aragón, deren Mitglied er auch war. Sie galt als beste Hofkapelle Spaniens und hatte eine bemerkenswerte Mitgliederstärke.
So wahrscheinlich, wie Càrceres den erwähnten Cancionero de Gandia größtenteils geschrieben hat, so wahrscheinlich hat er auch den darin befindlichen vierstimmigen Villancico „Falalalán” komponiert.
Die Abbildung zeigt das Werk in einer anderen derartigen Sammlung, dem sogenannten Cancionero de Upsala (gedruckt 1556 in Venedig).
Juan Vásquez
Juan Vásquez aus Badajoz war zunächst Vorsänger und Gesangslehrer an der Kathedrale seiner Heimatstadt, hatte ein kurzes Intermezzo in der Kapelle des Erzbischofs von Madrid, kam 1545 als Kapellmeister nach Badajoz zurück und wurde 1556 zum Priester geweiht. Schon 1548 war er allerdings an den Hof der Herzöge von Braganza nach Portugal gewechselt.
1551 finden wir ihn in Sevilla, wo er 1560 sein berühmtes Buch Recopilación de Sonetos y villancicos a cuatro y a cinco voces (Zusammenstellung von Sonetten und Villancicos zu vier und fünf Stimmen) veröffentlichte. Dieser Sammlung sind die drei Stücke in unserem Programm entnommen. Er scheint 1571 an den Hof der Herzöge von Medina-Sidonia gewechselt zu haben, wo er auch gestorben sein könnte.
Abbildung auf der Titelseite der Altstimme von Vásquez’ Recopilación de Sonetos y villancicos a cuatro y a cinco voces
Mateu Fletxa el Vell
Mateu Fletxa el Vell aus dem Königreich Aragón verdanken wir die Etablierung der Gattung Ensalada (Salat). Das ist eine Art Quodlibet mit einer oft wilden Mischung von Melodien, Rhythmen und Sprachen, liturgischen und weltlichen Texten, meist vierstimmig, jedoch mit teilweise einstimmigen Einschüben, Homophonie und Polyphonie – sozusagen das gesamte Repertoire der Zeit. Meist geht es um den Kampf des Guten gegen das Böse, auch um moralische Erbauung. Er war Kapellmeister der Kathedrale von Lleida und unterrichtete die Töchter Kaiser Karls V.
Seine Musik wurde erst durch seinen wesentlich bekannteren Neffen Mateu Fletxa el Jove wirklich weit verbreitet.
Er starb 1553 als Zisterziensermönch im Monestir de Santa Maria de Poblet in der Provinz Tarragona.
Titelseite der Sopranstimme (Tiple) der Ensaladas de Flecha (gedruckt 1581 in Prag), gesammelt von seinem Neffen.
Beginn der Ensalada „El fuego“
Pedro Ruimonte
Pedro Ruimonte verschlug es von seinem Geburtsort Zaragoza an den erzherzoglichen Hof in Brüssel, er starb jedoch in seiner Heimatstadt. Wann genau er diese Wechsel vollzogen hat, liegt im Dunkel der Geschichte.
Seinem Hauptwerk, El Parnaso español de madrigales y villancicos (Spanischer Parnass der Madrigale und Villancicos), ist das in unserem Programm enthaltene Stück entnommen. Daneben hat er auch einige mehrstimmige Messen hinterlassen.
Titelseite der Altstimme von Ruimontes Parnaso español (1614)
Ruimonte wird hier als Leiter der Kammermusik der Erzherzöge von Österreich tituliert, wahrscheinlich, um einer Titelkollision mit dem 1605 am Brüsseler Hof angekommenen Géry de Ghersem zu vermeiden. Das zeigt unzweifelhaft, dass sich Ruimonte der höheren Wertschätzung der Erzherzöge erfreute.
Juan Gutiérrez de Padilla
Juan Gutiérrez de Padilla aus Málaga wanderte als junger Mann nach Neuspanien aus, wo er als Nachfolger von Gaspar Fernandez Kapellmeister der Kathedrale von Puebla de los Ángeles wurde und damit einen der angesehensten Posten des Vizekönigreichs innehatte.
Er komponierte bevorzugt sakrale Musik im polychoralen venezianischen Stil, zeigt aber auch Einflüsse afrikanischer Rhythmen und iberoamerikanischer Klangfarben. Padilla schuf mit etwa 700 Werken eine der reichhaltigsten erhaltenen Musik-sammlungen des kolonialen Mexico.
Ausschnitt der Tenorstimme des ersten Chores eines achtstimmigen „Salve Regina“ von Padilla (Puebla, Archivo del Venerable Cabildo Angelopolitano, Musical Folio 17)
Gaspar Fernandez
Gaspar Fernandez gab einige Zeit Anlass zu Spekulationen: War er nun Portugiese oder Guatemalteke? Inzwischen neigt die Wissenschaft zu Letzterem: Er ist am Priesterseminar des Colegio Seminario de La Asunción nachweisbar zu einer Zeit, in der sein portugiesischer Namenskollege ebenso nachweisbar noch in Évora weilte.
Er wurde 1606 Kapellmeister der Kathedrale von Puebla de los Ángeles im heutigen Mexico, als Nachfolger seines Freundes Pedro Bermúdez, mit dem er lange Zeit an der Kathedrale von Santiago zusammengearbeitet hatte. Gemeinsam mit diesem stellte er die Musik dieser Kathedrale in Guatemala zusammen, eine Hauptquelle für die Erforschung liturgischer Musik in Lateinamerika an der Schwelle zum 17. Jahrhundert.
Er verwendete gerne indigene Sprachen, in unserem heutigen Programm die Nahua-Sprache der Azteken.
Beginn des Schlafliedes „Xicochi“ aus dem Cancionero de Gaspar Fernández (fol. 217v.), inklusive gut erkennbarer Spuren von Restaurierungsmaßnahmen
Foto: Berenice Alcántara
Hernando Franco
Ebenso sein etwas älterer Zeitgenosse Hernando Franco aus der Provinz Extremadura, der seine Ausbildung an der Kathedrale von Segovia erhielt.
Ab 1571 ist er als Kapellmeister der Kathedrale von Santiago de Guatemala verzeichnet, 1574 ging er nach Mexico, wo er drei Jahre später verstarb. Er hinterlässt 20 Motetten, 16 Magnificat-Vertonungen und eine Lamentatio Jeremiae Prophetae. Überraschenderweise jedoch keine Messkompositionen, wie man das von einem Domkapellmeister erwarten würde.
Franco gilt als frühester in Guatemala namentlich bekannter Komponist, allerdings wird seine Autorschaft der Hymnen in Nahuatl neuerdings angezweifelt. Über die zwei im Codex Valdés enthaltenen Stücke gibt es neue Erkenntnisse: Sie könnten das Werk eines indigenen Verfassers sein, der nach der Taufe den Namen Hernando don Franco annahm, andere Forscher schreiben das Stück einem indigenen Verfasser namens Hernando Francisco zu.
„Dios itlaçonantzine“ aus dem Códice Valdés (f. 120v.-121r.)
Foto: Elias Israel Morado Hernández (2013)
Franco verwendet noch keine Partituraufzeichnung, sondern notiert alle Stimmen getrennt, wie auch in Europa zu dieser Zeit noch üblich. Der Chor singt gemeinsam aus einem einzigen Exemplar, geübte Organisten konnten gleichwohl aus dieser Art der Darstellung vierstimmig spielen.
Juan Peres de Bocanegra
Juan Peres de Bocanegra war Priester und Franziskaner-Tertiar. Er galt als Experte für indigene Sprache und Kultur und unterrichtete Latein an der Universität von San Marcos in Lima/Peru, bevor er nach Cusco wechselte, wo er Kantor der Basílica de la Virgen de la Asunción wurde. Er wirkte als Übersetzer und Examinator für die Einheimischensprachen Quechua und Aymara.
Im Konflikt mit den Jesuiten bevorzugte er den Bilderreichtum der Andensprachen für seine Texte, wohingegen die Jesuiten ein Maximum an spanischen Lehnwörtern in die Sprache schleusten.
Hanacpachap cussicuinin ist das erste mehrstimmige Vokalwerk, das in der neuen Welt gedruckt wurde, allerdings ist auch hier die Autorschaft fraglich. Es ist enthalten in Bocanegras Hauptwerk Ritual, formulario, e institución de curas para administrar a los naturales de este reyno, los santos sacramentos del baptismo, confirmacion, eucaristia, y viatico, penitencia, extremauncion, y matrimonio: con aduertencias muy necessarias. (Rituale, Formalia und Einsetzung der Priester, um den Eingeborenen dieses Königreichs die heiligen Sakramente der Taufe, der Konfirmation, der Eucharistie, der letzten Wegzehrung, der Buße, der Letzten Ölung und der Ehe zu spenden: mit höchst notwendigen Ermahnungen).
Erste Strophe von „Hanacpachap cussicuinin“, enthalten in Bocanegras Hauptwerk Ritual, Formulario […], Lima 1631.
Weder Quechua noch Nahuatl besaßen vor Ankunft der Spanier eine Möglichkeit der Verschriftlichung.
Juana Inés de Abaje y Ramírez de Santillana
Juana Inés de Abaje y Ramírez de Santillana, besser bekannt als Sor Juana Inés de la Cruz, mexikanische Nonne bei den Hieronymitinnen, war wahrscheinlich die begabteste Dichterin der neuen Welt dieser Zeit.
Sie war bekannt als La Décima Musa (die zehnte Muse).
Mit drei Jahren hatte sie lesen gelernt, mit 15 kam sie an den Hof des Vizekönigs in Mexiko-Stadt und musste ein Examen in Theologie, Philosophie und Geisteswissenschaften vor 40 Gelehrten absolvieren – offenbar mit Bravour. Ihr lyrisches Hauptwerk Primero Sueño (Erster Traum), ein Gedicht in 975 Versen über die Suche der Seele nach Wissen, während der Körper schläft, entstand im Kloster, wo sie sehr gut ausgestattet ihren Studien und Experimenten nachgehen konnte und nach Belieben Gäste empfangen durfte. Bei den „Unbeschuhten Karmelitinnen“, bei denen sie zunächst Aufnahme gefunden hatte, wäre das Regime strenger gewesen.
Auf diesen Orden beziehen sich die abschließenden Verse ihres Liedes in unserem heutigen Programm.
Sie setzte sich nachdrücklich für das Recht von Frauen auf Bildung und Ausbildung ein. Als die Pest Mexiko erreichte, arbeitete sie in der Krankenpflege, steckte sich an und verstarb wenig später an dieser Seuche.
Titelseite des ersten gedruckten Bandes mit Werken von Sor Juana Inés de la Cruz, Inundación castálida de la única poetisa, musa décima, Soror Juana Inés de la Cruz […] que en varios metros, idiomas, y estilos, fertiliza varios assumptos: con elegantes, sutiles, claros, ingeniosos, útiles versos: para enseñanza, recreo, y admiración. […] (Madrid 1689)
Diese „Kastalische Flut“ (womit wir wieder beim Parnass wären) dient „[…] mit unterschiedlichen Versmaßen, Sprachen und Stilen zu verschiedensten Gelegenheiten […]: mit eleganten, subtilen, klaren, einfallsreichen und nützlichen Versen zur Unterweisung, Erbauung und Bewunderung. […]“
Juan de Lienas
Über Juan de Lienas weiß man fast nichts. Zwei Erwähnungen gibt es in Manuskripten, die Kompositionen von ihm enthalten: El Codice del Convento del Carmen und die Newberry Choirbooks, einer Sammlung mexikanischer Chorwerke, die in der Newberry Library in Chicago aufbewahrt werden.
Wie Craig Russel in seinem Artikel über Lienas im New Grove Dictionary of music and musicians hervorhebt, sind diese Erwähnungen teils wenig schmeichelhaft, beleidigen sein Erscheinungsbild und seine Persönlichkeit. Er wird als Kazike (ein Eingeborener vornehmer Abstammung) denunziert, als Indio, als verheiratet. All das hat möglicherweise eine höhere Stellung in der katholischen Kirche verhindert.
Die Wissenschaft verortet ihn mehrheitlich an der Kathedrale von Mexico, vereinzelt wird behauptet, er habe auch in Havanna gearbeitet, ein Forscher vermutet eine Herkunft aus Spanien.
Sein Stil ist anspruchsvoll, sehr qualifiziert, und verbindet viele Strömungen seiner Zeit in einer klangvollen, oft fünfstimmigen Kompositionsweise.
Titelseite des ersten Bandes der Newberry Choirbooks, die – neben anderen mexikanischen Komponisten – einen beträchtlichen Anteil der Vokalmusik von Lienas enthalten.
Sie wurden hauptsächlich im von Konzeptionistinnen gegründeten und geführten „Convento de Nuestra Señora de la Encarnación“ in Mexico-City, dem einzigen Kloster, das sich solche Bücher leisten konnte, zum alltäglichen liturgischen Gebrauch genutzt.
Manuel de Zumaya
Manuel de Zumaya gehört zu den größten barocken Komponisten der neuen Welt. Er schrieb 1711 die erste amerikanische Oper, Partenope, uraufgeführt am 1. Mai 1711 in Mexico-Stadt, leider verschollen. Er war Priester, ab 1715 Kapellmeister der Kathedrale von Mexiko-Stadt, später in gleicher Funktion in Oaxaca de Juárez.
Sein Werk umfasst darüberhinaus Motetten im Stil der Renaissance, aber auch moderne Villancicos in fortschrittlicher, teils mehrchöriger Satzweise.
„Resuenen los clarines – Villansico a Santa Cecilia a Ocho – Se Cantó en la Procesión este año de 1738.“
Villancico zu acht Stimmen für Santa Cecilia – er wurde im Jahr 1738 bei der Prozession gesungen.
Sopranstimme von Zumayas „Resuenen los clarines“
Leider gibt es zu keinem unserer Komponisten (außer Sor Juana Inés de la Cruz) gesicherte Abbildungen oder Portraits. Die verfügbaren Bilder sind durchweg Fantasiegebilde aus späteren Zeiten.
Die stattdessen gewählten Abbildungen zeigen Originalquellen mancher Werke unseres Programms oder andere komponistenbezogene Dokumente der Zeit.
Konzerteinführung „MISSIO“
Herzlich willkommen bei „MISSIO“, dem diesjährigen Programm von TonArt Kenzingen. Die Idee zu diesem Programm entstand vor vielen Jahren und musste damals wegen Corona unrealisiert bleiben. Nach einigen anderen Projekten in der Zwischenzeit kommen wir jetzt darauf zurück. Seitdem hat sich der gesellschaftliche Diskurs gravierend gewandelt, und die Unbefangenheit, mit der wir uns seinerzeit noch diesem Thema angenähert hatten, ist heute deshalb nicht mehr möglich. Wenn wir jetzt dieses Programm wieder aufnehmen, kollidieren wir mit gleich drei zentralen Themen der derzeitigen Debatte: Postcolonialism, kulturelle Aneignung und eine Art Blackfacing, indem wir Texte in indigenen Sprachen singen, oder ein kleines Fenster öffnen in die Welt schwarzafrikanischer Sklaven in Lateinamerika.
Wir tun es trotzdem. Nicht, weil wir die Augen verschließen vor den wirklich drängenden Problemen unserer Gegenwart, sondern weil wir von der Qualität der vorgefundenen Musik völlig überzeugt sind und sie vor dem Vergessen bewahren helfen wollen. Ein heutiger Blick auf Conquista, Kolonialismus und Missionierung ist viel kritischer als damals und nötigt zu einem schon fast weitschweifigen Ausholen in die geschichtlichen Hintergründe, um Werdegänge nachvollziehbarer zu machen. Das würde den verträglichen Rahmen einer Konzertmoderation bei Weitem sprengen, und deshalb haben wir uns entschieden, dieses Mal unser Programmheft entsprechend zu erweitern und alle diese Informationen gedruckt zur Verfügung zu stellen. Sie können das dann gerne in Ruhe zu Hause vertiefen – wenn Sie das wollen. Wir danken der Gottfried Finger-Gesellschaft in Nürnberg ganz herzlich für die Übernahme der Druckkosten. So können wir Ihnen dieses Programmheft unentgeltlich zur Verfügung stellen. Dennoch freuen wir uns über eine Spende am Ausgang für unsere weitere Arbeit.
Bau der Festung La Navidad in Hispaniola Basler Ausgabe des Kolumbus-Briefes, 1494
Das Programm ist eine Reise vom Süden Europas nach Äquatorial-Amerika, von Palos de la Frontera in Andalusien (von wo Christopher Columbus mit seiner Flotille in See stach) nach Guanahani auf den Bahamas. Wir sind stolz darauf, Ihnen heute das dazu passende Klima bieten zu können, es stärkt die Echtheit der Eindrücke. Außerdem erleichtert die Hitze das Verständnis für ein Phänomen, das in unseren Breiten, wo man von „white Christmas“ träumt, gar nicht so vertraut ist: Weihnachten unter tropischen Bedingungen. Wir haben deshalb ein paar wenige weihnachtliche Stücke in unser Programm eingebaut. Allerdings baute Kolumbus aus den Überresten seiner Karacke „Santa Maria“ die erste Festung der Neuen Welt und nannte sie „La Navidad“. Weil er das Schiff verloren hatte, musste er einen Teil seiner Mannschaft dort zurücklassen. La Navidad wurde zur Hauptstadt der ersten Kolonie auf Lateinamerikanischem Boden: Hispaniola. Also: Auch „Weihnachten“ ist vieldeutig …
Unser Programm haben wir in drei Abschnitte unterteilt, die Sie gerne dazu nutzen, Ihren Beifall nicht ganz bis zum Ende zurückhalten zu müssen. Nach dem ersten dieser Abschnitte werden wir der Temperaturen wegen eine etwas größere Pause von ca. fünf Minuten einlegen, um nochmal durchzuatmen und einen Schluck Wasser zu trinken. Wir haben dabei auch an Ihre Versorgung gedacht, bitte greifen Sie zu, wenn Sie wollen.
Beginnen wir also mit Musik, die im spanischen Mutterland erklungen ist. Sie zeigt die Vielfalt der damaligen Möglichkeiten: Eine klangprächtige sechsstimmige Vertonung eines Texts aus dem Buch Hiob ist die optimale Einstimmung in unser Thema und bezieht sozusagen auch schon Stellung. Der Villancico „Falalalán“ ist dem „Cancionero de Upsala“ entnommen, einer Sammlung, die 1556 in Venedig veröffentlicht wurde. Der Name der Sammlung bezieht sich darauf, dass das einzige erhaltene Exemplar in der Universitätsbibliothek zu Uppsala aufbewahrt wird. Falalalán ist ein rhythmisch-melodischer Nonsens-Refrain ohne speziellen semantischen Gehalt, der dem Klang und der Musizierfreude dient. Vergleichbar tralalá in französischen oder lailalai in jiddischen Liedern. Die drei Stücke von Juan Vasquez thematisieren in einer Art Ritter- und Troubadurromantik Verabredung zur Flucht, Liebeserwartung und Liebesschmerz, Natur, Eitelkeit – zeitlose Themen. Eine sehr speziell spanische Gattung ist die Ensalada. Erklärungen dazu finden Sie in den biografischen Notizen unter dem Namen Mateu Fletxas. „El Fuego“ ist eine im wahrsten Sinne des Wortes „flammende“ Moralpredigt an die Adresse der Sünder, jedoch durchaus mit tänzerisch-schwungvollen Passagen, die vokale Imitationen von Glocken („dandán“) oder von Instrumenten beinhalten – son son für die Schalmei, dindirindin für Mandoline oder Gitarre.
Titelseite des Cancionero de Upsala
Ruimontes Madrigal „Has visto“ handelte von Liebesschmerz, möglicherweise voyeuristisch von einem Fremden beobachtet, warnt davor, sich in diese Versuchung zu begeben und rät zur Flucht. Die Symbolik, die Allegorien und die poetischen Bilder dieser Epoche und dieser Sprache entziehen sich in der Regel einer wörtlichen Übersetzung, weshalb viele unserer heutigen Texte eine gewisse Auslegungsbreite zulassen.
Juego de cañas auf der Plaza Mayor von Valladolid Jacob van Laethem zugeschrieben (ca. 1506)
Anders bei „Las estrellas se rien“: Hier wird ganz konkret ein sozusagen „spanischer Nationalsport“ beschrieben, das Schilfspiel (juego de cañas). Es ist eine Art Reiterturnier, übernommen aus Zeiten der maurischen Herrschaft, oft verbunden mit wichtigen und daher überlieferten Staatsereignissen.
Es handelt sich um eine Kampfsimulation zu Pferd: Zwei gegnerische Gruppen galoppieren abwechselnd in kleinen Gruppen von ihrem jeweiligen Ende aus aufeinander zu. Im letzten Moment schleudern sie cañas (daher der Name) auf ihren Gegner, als wären es Speere oder gar Pfeile, wehren die auf sie abgefeuerten Stöcke aus Zuckerrohr oder Schilf gleichzeitig mit ihren Schilden ab und ziehen sich dann im Halbkreis zurück. Eine prachtvoll kostümierte Veranstaltung, an der in der Regel nur Adlige beteiligt waren. Ob solche Spiele auch in Lateinamerika abgehalten wurden, wissen wir nicht zuverlässig. Die Verbindung zum weihnachtlichen Geschehen in Bethlehem wirkt etwas gewollt und nutzt wahrscheinlich lediglich den festlichen Anlass.
Eigentlich hätte Gaspar Fernandez in unsere dritte Gruppe verschoben werden müssen, weil er – wie es sich inzwischen herausstellte – doch einheimischer Lateinamerikaner war. Wir haben ihn hier belassen und werden dabei dessen gewahr, dass Beurteilungen, Einordnungen und sogar wissenschaftliche Setzungen mitunter auf Falschinformationen beruhen. Sein Stück „Eso rigor“ verbindet bemerkenswerte Einflüsse: Der Text ist schwer zu fassen. In einer Zeit, in der die Entwicklung von einer Pidginsprache zu einer echten Kreolsprache noch nicht komplett vollzogen war, sind oft die Herkünfte der Worte nicht eindeutig einer Ausgangssprache zuzuordnen.
In unserem Fall der Guineer aus São Tomé, einer kleinen Insel im Golf von Guinea vor Gabun und Äquatorialguinea, war deren Sprache bereits eine Kreole aus Portugiesisch und verschiedenen Bantu- und Kwa-Sprachen. Durch die Versklavung in den spanischen Kolonien mussten sie sich ein weiteres Mal sprachlich umstellen, jedoch immer verbunden mit dem Versuch, so viel wie möglich ihrer heimischen Kultur beizubehalten und zu retten. Sehr anrührend sind der überbordende Optimismus und die Fröhlichkeit trotz der Verschleppung, die große Sehnsucht nach der Heimat São Tomé einerseits und die fast ebenso große Sehnsucht, einmal weiß zu sein, und sei es nur für eine Nacht – Letzteres übrigens ein erschütterndes Beispiel für den „Erziehungserfolg“ weißer Missionare.
Interessant am Rande: Zu dieser Zeit verehrte die katholische Kirche seit bereits über tausend Jahren eine ganze Reihe afrikanischer Heiliger, wie San Maurizio, San Benedetto il Moro oder San Mosé l’Ethiope, auch etliche Frauen (alle aus dem 3. und 4. Jahrhundert nach Christus) …
San Benedetto il Moro Ferdinando Perathoner, Holzstatue, Mitte 20. Jh., Acquedolci1
Melodisch und rhythmisch weist das Stück von Fernandez große Anklänge an schwarzafrikanische Kultur auf, so gut wie nichts Indianisches und wenig Spanisches, hier im Wesentlichen die Harmonik. Solche Fälle äußerst turbulenter Durchmischung unterschiedlichster kultureller Elemente sind zuweilen erzwungen durch gewaltsame „Migration“. Dennoch führen sie zu etwas Neuem und durchaus Eigenständigem. Das stellt berechtigt die Frage nach einer Grenzziehung zwischen Austausch oder Inspiration einerseits, und kultureller Aneignung andererseits. Was hier in der Folge entstand, empfinden wir heute als „typisch“ karibische Kultur. Aber die gab es in dieser Form zunächst überhaupt nicht, und über die Kultur dieser Region in den Zeiten davor haben wir sehr wenige Kenntnisse.
Die Stücke in den indigenen Sprachen Nahuatl und Quechua sind weitere Beispiele für den pädagogischen Impetus weißer Missionare, die sich der Landessprachen bedienten, um ihre Erziehungsinhalte zu festigen. Die Texte verbinden Elemente und Bilder alter einheimischer Kulturen mit den christlichen Neuerungen der Missionare. Diese Sprachen hatten bis zur Ankunft der Spanier keine Möglichkeiten einer phonetischen Verschriftlichung. Die heute durchgehend übliche Transliteration mit lateinischen Buchstaben ist nicht in der Lage, alle Laute dieser indigenen Sprachen korrekt abzubilden. Für Aymara, eine Sprache der Anden, gibt es sogar erst seit dem späten 20. Jahrhundert ein Alphabet, das Zeichen für Laute enthält, die sich in unserem Alphabet nicht finden.
Auch Juana Inés de la Cruz „profitierte“ ganz direkt von diesen Errungenschaften europäischer Kultur, denn ohne diese weit bessere schriftliche Ausdrucksmöglichkeit wäre ihr Aufstieg so nicht denkbar gewesen. Bekannt geworden als bedeutendste Dichterin der neuen Welt unterhielt sie mit vielen europäischen Geistesgrößen einen lebhaften Briefwechsel. Ihre liberale und stark feministische Haltung rief letztlich dann doch den Unwillen ihrer Oberen hervor, und sie musste 1694 ein Sündenbekenntnis unterschreiben und das Gelübde, nur noch für Gott zu leben.
Pfarrkirche Santa Cecilia (Xochimilco) in Mexiko-Stadt3
Die doppelchörige Motette „Resuenen los clarines“ ist eine Ode an St. Cecilia, die Schutzpatronin der Musik und so mancher mexikanischen Stadt. Zwischen 1704 und 1707 wurde auf Betreiben franziskanischer Missionare im Süden von Mexiko-Stadt am Fuß des Vulkans Teoca die Siedlung Santa Cecilia gegründet. Noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde eine gleichnamige Kirche erbaut und geweiht.
Ein flämischer Franziskaner aus Gent, geboren als Pieter van der Moere, später heiliggesprochen als Fray Pedro de Mura oder Fray Pedro de Gante, gründete Schulen für Eingeborenenkinder, um ihnen Notenlesen und -schreiben beizubringen (europäische Einwandererkinder waren ausgeschlossen). Davor (und dafür) hatte er eigens Nahuatl gelernt. Innerhalb von zwei Jahren waren ein Eingeborenenchor und ein Orchester auf die Beine gestellt, die die Messen in der Kathedrale musikalisch begleiten konnten.
Erklärung der Heiligen Dreifaltigkeit Testeriano (piktografischer Katechismus), Pedro de Gante (etwa 1525–1528)
Illustration einer Blumenzeremonie mit aztekischen Instrumenten: die Schlitztrommel teponaztli, dahinter die große einfellige Standtrommel huéhuetl und links oben die Kürbisgefäßrassel ayacachtli Codex Florentinus, Mitte 16. Jh.
Die Indios entwickelten enorme Fähigkeiten nicht nur im Singen und Spielen, sondern auch im Bau europäischer Musikinstrumente. Die Missionare beförderten diese Entwicklung, indem sie die traditionellen Instrumente der Indios systematisch zerstörten. Diese Instrumente waren einfache Flöten aus Ton, Holz, Muscheln oder Knochen, einige wenige Schlaginstrumente waren im Gebrauch. Aztekische Musik wurde von dem spanischen Franziskaner Bernardio de Sahagún dennoch als außerordentlich entwickelt und komplex beschrieben. Andere spanische Quellen sprechen von infernalischem Lärm und unerträglicher Kakophonie …
Cortès hatte nach seiner Ankunft in der neuen Welt als Erstes einen Altar errichten und eine musikalische Messe zelebrieren lassen. Ein Teil seiner Truppe nämlich war speziell unter dem Gesichtspunkt ihrer musikalischen Fähigkeiten ausgewählt worden. In der Folge legten die Eingeborenen weite Wege zurück, um spanische Musik zu hören, sie waren ungeheuer fasziniert.
Feierlichkeiten zu Ehren der Heiligen Cecilia in den Straßen von Oaxaca de Juárez4
Zumaya schrieb seine Motette 1738 zum Patrozinium dieser Kirche Santa Cecilia. Der erloschene Vulkan Teoca galt in vorchristlicher Zeit als Sitz der Götter und diente als zeremonieller Ort sowie als astronomisches Observatorium. Heute beherbergt der Krater ein Fußballstadion – die Götter wechseln zuweilen ihre Identität …